Frau Pehnt, das Thema „Alter im Pflegeheim“ wird in deutschen Romanen bislang eher selten aufgegriffen. Aus welchem Grund haben Sie sich dem Thema gewidmet?
Ich hatte das Bedürfnis, einmal über die Endphase des Lebens zu schreiben. Und ich habe mich gefragt, an welchem Ort ich die Geschichte spielen lasse. So bin ich auf ein Pflegeheim als Ort für die Handlung gekommen.
Die Kritiken in den Feuilletons waren äußerst positiv, die Lesungen gut besucht. Wer saß im Publikum?
Überwiegend Menschen, die unmittelbar betroffen waren. Also entweder Menschen, die selbst in Senioreneinrichtungen wohnten, oder ihre Kinder.
Hat Sie das nicht überrascht? Angesichts der vielen sehr guten Kritiken hätte man ja erwarten können, dass auch deutlich jüngere Menschen an der literarischen Aufarbeitung des Themas interessiert gewesen wären.
Ich glaube, das lag daran, dass sich viele Literaturinteressierte beim Besuch einer Lesung nicht gerne mit dem Thema „Alter im Pflegeheim“ auseinandersetzen möchten. Selbst dann nicht, wenn es sich um einen fiktionalen Text und nicht um ein Sachbuch handelt.
Dabei geht es in der Geschichte ja gar nicht ausschließlich um dieses Thema. Wie in Ihren anderen Romanen und Kurzgeschichten zeigen Sie auch in „Haus der Schildkröten“ Menschen, die unfähig sind, miteinander zu kommunizieren.
Ja, das ist ein Thema das mich als Autorin sehr interessiert. Ich habe den Eindruck, oft ist es egal, wie viel man miteinander spricht, man versteht sich trotzdem nicht.
Sie würden also nicht sagen, dass in „Haus der Schildkröten“ das Pflegeheim an den Kommunikationsproblemen der Figuren schuld ist. Schließlich treffen hier wildfremde Menschen in einer besonderen, intimen Situation aufeinander.
Die größten Kommunikationsprobleme, die der Roman zeigt, existieren ja zwischen den Bewohnern des Heims und ihren Angehörigen. Und diesen Kommunikationsproblemen liegen jahrzehntealte Konflikte zugrunde. Das Pflegeheim verschärft diese Probleme aber. Dort wo Kommunikation noch nie möglich war, ist sie in dieser Situation erst recht nicht möglich.
Ein weiteres Thema, dass sich durch Ihre Geschichten zieht, sind Figuren, die mit der Situation, in der sie gerade leben, unzufrieden sind. Viele sind im Kopf bereits woanders. Allerdings nur im Kopf. Denn in ihrem wirklichen Leben verharren sie dann doch in den alten Zuständen. Haben Sie auch deshalb den Ort eines Pflegeheims als Ort für die Handlung gewählt?
In der Geschichte sind es ja nicht nur die Pflegebedürftigen, denen es so wie vielen meiner Figuren ergeht. Auch die Mittelalten in der Geschichte, die aus ihrer Lebenssituation weg wollen und weg könnten, schaffen es nicht.
Im Unterschied zu den Jüngeren haben die Älteren in der Geschichte aber keine Alternative: Selbst wenn sie weg wollten, sie können es aus physischen Gründen nicht. Das ist doch etwas anderes.
Ich zeige in meinen Geschichten ganz bewusst auch Menschen, die keine Wahl bei der Gestaltung ihres Lebensentwurfes haben. Viele literarische Figuren heutzutage können ihren Lebensentwurf scheinbar jederzeit ändern. Ganz im Sinne der Postmoderne, in der sich Menschen hierfür oder dafür entscheiden können und alles irgendwie beliebig geworden ist. Aber es gibt eben auch heute Menschen, die festgebunden sind an ihre Daseinsweise. Zum Beispiel durch ihr Alter oder eine Behinderung.
Wenn man über das Alter in einem Pflegeheim schreibt, muss man da nicht an vielen Stellen aufpassen, dass man nicht Klischees bedient?
Als Autorin gehe ich im Moment des Schreibens nicht so planerisch vor wie Sie es mit Ihrer Frage ja andeuten. Bei „Haus der Schildkröten“ habe ich allerdings eine Entscheidung ganz bewusst getroffen: Bei der Beschreibung der Heimleitung bin ich weg vom übrigen Stil des Buches gegangen. An diesen Stellen bleibt die Schilderung bewusst etwas diffus. Ich wollte nämlich nicht darstellen, welches programmatische Verständnis von Pflege die Leitung in diesem Heim hat. Es sollte ja kein Roman werden, der die Vor- oder Nachteile eines bestimmten Pflegekonzeptes zeigt.
In der Tat konnte ich mich mir beim Lesen von der Heimleitung nur ein bruchstückhaftes Bild machen. Ansonsten habe ich bei Ihren Texten immer wieder den Eindruck, dass Sie gezielt Details einbauen, die einen schnell in die Geschichte eintauchen lassen.
Ja, mit diesem Mittel arbeite ich in der Tat. Wobei ich meinen Stil ausdrücklich nicht als „detailreich“ bezeichnen würde. Ich beschränke mich auf wenige, aber dafür markante Details. Deshalb sind meine Bücher ja auch nie besonders dick (lacht).
Wie gelingt es Ihnen, die entscheidenden Details zu finden?
Ich notiere ständig alle möglichen Details. Dann lasse ich die Notizen ein wenig liegen. Wenn ich sie wieder zur Hand nehme, ist mir in der Regel klar, welche die wichtigen Details sind.
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Über das Buch:
Schauplatz von Annette Pehnts 2006 erschienenem Roman ist ein Pflegeheim. Dort lässt sie ihre Hauptfiguren aufeinander treffen. Dies sind die seit einem Schlaganfall körperlich stark eingeschränkte Frau von Kanter und ihre überarbeitete Tochter Regina, der demente Professor Sander und sein geschiedener Sohn. Mit Empathie und einer Anmut, die sich nicht vor dem Abgründigen fürchtet, erzählt Pehnt vom Trübsinn und der Heiterkeit des Heimalltags. Und vom Zwiespalt derer, die ihre Eltern einer professionellen Pflege überlassen und zugleich versuchen, der eigenen Einsamkeit zu entkommen.
Annette Pehnt: Haus der Schildkröten. Piper Verlag, 2006, 192 S., 16,90 EUR
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Foto: © Gesine Benfer
Published: 11/06/23


Im Dezember 2011 las Autorin Annette Pehnt im Literarischen Zentrum Göttingen aus ihrem Roman „Haus der Schildkröten“. Die Lesung war Teil einer Veranstaltungsreihe, bei der das Literarische Zentrum mit der Göttinger Eva-Meurer-Stiftung und dem Magzin in göttingen - dem Magazin für alle im besten Alter - kooperiert. Unter dem Motto „Das Alter in der Literatur“ finden zweimal pro Jahr Lesungen von Autorinnen und Autoren statt, deren Bücher die Themen Älterwerden und Alter aus neuen Perspektiven beleuchten. in göttingen-Chefredakteur Robin Kreide sprach mit der Autorin über ihr Buch.