Geiger merkt man nicht nur in seinem Buch sondern auch im Gespräch, das er auf der Bühne des Alten Rathauses mit dem Frankfurter Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann führte, an, wie groß sein Bedürfnis war, sich mit der Krankheit des Vaters literarisch auseinanderzusetzen. Hoffman verknüpfte in seiner Diskussion mit Geiger geschickt Fragen nach dem schriftstellerischen Herangehen an das Thema mit allgemeinen Fragen zur Krankheit und dem Umgang mit ihr. Gefragt, ob er die Begleitung der Krankheit so wie andere Autoren, die sich mit dem Thema Demenz beschäftigen, ebenfalls als jahrelangen Abschied von einem Angehörigen empfinde, antwortete Geiger mit einem der zentralen Sätze des Abends: „Man kann nicht 10 Jahre lang Abschied nehmen. Das geht nicht.“ Und er ergänzte, dass - Krankheit hin oder her - sein Vater immer noch sein Vater bliebe und schon der Begriff Abschied eigentlich falsch sei.
Diese ganz eigene Herangehensweise an das Thema Demenz ist typisch für Geigers Umgang mit der Krankheit. Dadurch leistete der 42-Jährige während des Gesprächs im Alten Rathaus und noch viel ausführlicher mit seinem Buch wichtige Aufklärungsarbeit über eine weit verbreitete, aber immer noch stigmatisierte Krankheit, ohne jemals larmoyant oder belehrend daherzukommen. Im Gegenteil, es sind Geigers literaturgewordene Zärtlichkeit, Ehrlichkeit und Schnörkellosigkeit, die „Der alte König in seinem Exil“ und Geiger als Autor und Gesprächspartner so wertvoll machen. Für jene, die selbst kranke Angehörige haben. Für jene, die über das eigene Alter, das Alter der Eltern oder das Alter an sich nachdenken. Und für jene, die einfach gerne gute Bücher lesen.
Die Lesung mit Arno Geiger markierte den Beginn einer Veranstaltungs-Kooperation zwischen dem Literarischen Zentrum Göttingen und dem Magazin in göttingen. Unter dem Motto „Das Alter in der Literatur“ finden in Göttingen zukünftig zweimal pro Jahr Lesungen von Autoren statt, deren Bücher die Themen „Älterwerden“ und „Alter“ aus neuen Perspektiven beleuchten.
Angaben zum Buch: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, Hanser Verlag, 2011, 192 S., 17,90 EUR.
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Foto oben: Arno Geiger (l.) im Gespräch mit Torsten Hoffmann.
Foto unten: Volles Haus: Anja Johannsen, die Leiterin des Literarischen Zentrums Göttingen, eröffnet die Veranstaltung im ausverkauften Rathaussaal.
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Fotos: © Kreide
Published: 11/04/01


Bis auf den letzten Platz gefüllt war das Alte Rathaus Göttingen am 31. März: Im Rahmen der neuen Reihe des Literarischen Zentrums Göttingen „Das Alter in der Literatur“ las der österreichische Autor Arno Geiger aus „Der alte König in seinem Exil“. Das autobiografische Buch, das sich in den letzten Wochen zu einem echten Bestseller entwickelt hat, setzt sich mit Geigers Beziehung zu seinem an Alzheimer erkrankten Vater, mit Familie, Heimat, den eigenen Wurzeln, dem Alter und dem Unvermeidlichen auseinander.