Banner
Banner

110317_mcgegan

Mit der diesjährigen Spielzeit der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen endet eine Ära: Wenn sich Nicholas McGegan in diesem Jahr als Künstlerischer Leiter verabschiedet, wird er das Festival mehr als zwei Jahrzehnte entscheidend geprägt haben. Nachfolgen wird ihm Laurence Cummings. in göttingen sprach Anfang Februar mit Nicholas McGegan und dem Lübecker Musikwissenschaftler Professor Wolfgang Sandberger, der bei den Händel-Festspielen bis zur Spielzeit 2012 als künstlerischer und programmatischer Berater tätig ist.


Herr McGegan, kannten Sie Herrn Professor Sandberger bereits, bevor er in diesem Jahr die Programmplanung der Festspiele übernommen hat?

 

Mc Gegan: Oh ja, wir kennen uns schon sehr lange. Wolfgang Sandberger ist ja bereits seit vielen Jahren für die Internationalen Händel-Festspiele beratend tätig gewesen.

 

Sandberger: Als Nicholas McGegan 1991 in Göttingen anfing, war ich als Redakteur für den NDR tätig und habe ein Interview mit ihm geführt. Mit diesem Interview habe ich den damals „neuen Künstlerischen Leiter“ der Händel-Festspiele vorgestellt.

 

Herr Professor Sandberger, mit Laurence Cummings kommt im nächsten Jahr als Künstlerischer Leiter der Festspiele nun bereits der dritte Engländer. Ist ein britischer Pass für einen Dirigenten also eine gute Voraussetzung für ein Engagement in Göttingen?

 

Sandberger: Auf den ersten Blick mag das wirklich so aussehen (lacht). Die Nationalität spielte aber bei der Entscheidung für Laurence Cummings keine Rolle. Allerdings werden wir mit ihm ab dem nächsten Jahr nun in der Tat die dritte Generation englischer Barockspezialisten in Göttingen haben. Wir freuen uns schon jetzt auf wieder ganz andere Ansätze.

 

Herr McGegan, werden Sie Herrn Cummings ein paar Tipps und Geheimnisse verraten, bevor er kommt?

 

Mc Gegan: Da werde ich mich schön zurückhalten (lacht). So ein Neuanfang ist schon anstrengend genug. Wenn dann auch noch der Vorgänger immer vermeintlich gut gemeinte Tipps gibt, hilft das einem nicht wirklich weiter. Ich erinnere mich noch an meinen Anfang: Mir hat zwar niemand „gute Tipps“ gegeben, aber da lag im Büro der Händelgesellschaft diese Liste mit sämtlichen Werken, die jemals in Göttingen aufgeführt wurden. Ganz oft, wenn ich mich innerlich bereits für eine Oper entschieden hatte, musste ich erkennen, dass ausgerechnet diese bereits 1957 oder in irgendeinem anderen Jahr aufgeführt wurde. Daran musste ich mich erst gewöhnen (lacht). Aber so ist das eben bei einem Festival mit derart langer Tradition.

 

Was werden Sie tun, wenn Sie nicht mehr jeden Sommer in Göttingen sind? Gibt es ein spezielles Projekt, das Sie in den letzten zwanzig Jahren immer gerne machen wollten aber aus Zeitmangel nicht verwirklichen konnten?

 

Mc Gegan: Nein, es gibt kein bestimmtes Projekt. Aber ich werde sicher die eine oder andere Oper in den USA dirigieren. Da musste ich bisher immer absagen, weil sie immer in die Zeit der Händel-Festspiele fielen. Außerdem werde ich gerne als Gast zu Festspielen kommen. Und dann möchte ich mir auch in Ruhe die Region anschauen.

 

Sie werden hier also zur Abwechslung mal Ferien machen?

 

Mc Gegan: Ja, aber nicht nur, denn ich habe ja an der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen noch eine Honorar-Professur und werde dort Vorlesungen halten. Doch daneben werde ich mir die Gegend hier und überhaupt Deutschland anschauen. Denn von Deutschland habe ich außer der Göttinger Innenstadt und den Spielorten der Festspiele in den letzten zwanzig Jahren nicht wirklich viel gesehen.

110317_mcgegan_2

 

Herr Professor Sandberger, die diesjährigen Händel-Festspiele beschäftigen sich mit dem Einfluss der französischen Musikkultur auf Händel. Man kennt Händel ja als Komponist italienischer Opern. Der französische Einfluss auf Händel dagegen ist weit weniger bekannt.

 

Sandberger: Auch wenn Händel nie in Frankreich war, so ist der französische Einfluss auf Händel doch recht groß. Nehmen Sie nur die diesjährige Festspiel-Oper Teseo: Sie ist eindeutig eine Oper im Stil des französischen Komponisten Lully und geht auch auf ein französisches Libretto zurück. Der Glanz von Versailles, also die französische Hofkultur Ludwig des XIV. und die mit ihr verbundene Musik- und Tanzmode übten eine sehr große Faszination auf viele Europäer und eben auch auf Händel aus. So hatte er die Werke zahlreicher französischer Komponisten in seiner Bibliothek. Besonders früh begeisterte er sich für die französische Ouvertüre und baute sie in viele seiner Werke ein. Charakteristisch für diese Art der Ouvertüre ist ja dieses monumentale „TaTa“ am Anfang. Gut zu hören zum Beispiel in Händels Wassermusik.

 

Wurden Händels Werke, der als ein führender Komponist seiner Zeit galt, eigentlich auch in Frankreich aufgeführt?

 

Sandberger: Ja, aber erst mit einiger Verzögerung. Erst im 19. Jahrhundert seine Oratorien ins Französische übersetzt und aufgeführt. Und die franzö-sischen Romantiker bearbeiteten seine Werke. In dieser Saison werden wir hier in Göttingen zwei Arien-Bearbeitungen von Charles Gounod und Giacomo Meyerbeer als Welterstaufführungen präsentieren. Die Rezeption Händels in Frankreich ist also nicht zu unterschätzen. Heinrich Heine etwa sagte 1844, nachdem er in Paris eine Händel-Aufführung besucht hatte: „Mozart und Händel, haben es endlich dahin gebracht, die Aufmerksamkeit der Franzosen auf sich zu ziehen.“

 

 

 

Foto unten: McGegan (l.) und Sandberger brachten zum Interview das gerade frisch gedruckte Programmheft der Saison 2011 mit.

 

 

 

 

Fotos: © Händelfestspiele, Kreide

 

Published:12/03/2011