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Joachim von Burchard und sein Team bringen im DT den zweiten Roman des Musikers Nick Cave, "Der Tod des Bunny Munro", auf die Bühne.


Nick Caves Kunst ist gleichzeitig düster und grell, tieftraurig und ironisch, diabolisch und transzendent, herzergreifend und brutal, episch und szenisch. Das gilt sowohl für seine Songs als auch für seine literarischen Werke.

 

Caves zweiter Roman "Der Tod des Bunny Munro" erschien 2009. Er verbreitet – genau wie die von Joachim von Burchard, künstlerischer Leiter des jungen Schauspiels, und Dramaturgin Nicola Bongard besorgte Uraufführung in Göttingen – von Anfang an das Flair einer der schaurig schönen "Murder Ballads", die Cave als Musiker berühmt gemacht haben.

 

101027Bunny2Genau wie sein Vater, Bunny Senior, ist auch Bunny Munro (stark als Cave-Look-Alike: Andreas Jeßing) ein echter Looser, ohne Fantasie, ohne Einfühlungsvermögen, ohne Liebe, dafür mit einem ausgeprägten Faible für schnelle Nummern, Onanie und Drogen. Als abgehalfterter Kosmetikvertreter tingelt er durch die Lande und beglückt einsame Hausfrauen, in denen er nach Eigenaussage nur Vaginas sieht. Die Inszenierung ist dementsprechend für Besucher über 18 empfohlen. Dennoch muss man keine nackten Tatsachen befürchten. Wer Pornografie will, sollte fernsehen.

 

Als sich jedoch Bunnys depressive Frau Libby (Imme Beccard) umbringt, findet dieser sich plötzlich unausweichlich konfrontiert mit der ungeliebten Vaterrolle: Für seinen ihn abgöttisch liebenden Sohn Bunny Junior (großartig als spleeniges Kid: Benjamin Berger) hatte Bunny bislang kein Interesse. Und auch jetzt fällt ihm nichts Besseres ein, als mit dem Jungen ins Auto zu steigen und einfach mal loszufahren – mit einer neuen Kundenliste dem Untergang entgegen.

 

Ein trashiges, tragikomisches Roadmovie startet mit dem wenig gelungenen Abgang Bunnys von Libbys Beerdigung und endet mit seinem eigenen Ableben, inszeniert als makabere Rock'n'Roll-Showeinlage, die ihm im Leben wenigstens einen großen Auftritt beschert. Übrig bleibt die Hoffnung auf den intelligenten, augenkranken Bunny Junior, der sowohl die verzweifelte Mutter als auch den Versager-Vater überlebt.

 

101027Bunny3Das gelungene Bühnenbild vereint auf kleinstem Raum ein Wohnzimmer, ein knallgelbes Auto, ein Bett und ein Podest. Auf Letzterem thront Jan Exner, der sowohl die meisten Gesangs-Parts übernimmt und E-Gitarre spielt als auch den allwissenden Erzähler, Bunnys zweites Ich, den Regisseur im Chaos und den alten Vater Bunny Senior gibt. Dazu: ein Piano und ein Synthesizer, der die wummernden Beats zum drogengeschwängerten Geschehen beisteuert.

 

Immer wieder interpretieren die Darsteller ausgesuchte Cave-Songs, die sowohl stimmungsmäßig als auch thematisch hervorragend zum theatralen Geschehen passen. Besonders schön: Imme Beccards hauchzart interpretiertes "No more shall we part".

 

Für Bühnengeschehen und Musik gilt: Das Gesamte ist mehr als die Summe der Teile. Schön, wenn zeitgenössische Rock-Musik und zeitgenössisches Theater eine so stimmige Symbiose eingehen. Das junge Schauspiel des DT rockt die kleine Studiobühne ganz groß. Es entsteht ein temporeiches, verführerisches Ganzes zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, zwischen völlig überdreht und berührend, das nicht nur Freunde von Nick Caves Musik keinesfalls verpassen sollten.

 

Von Silke Pohl

 

Weitere Termine von "Der Tod des Bunny Munro" im Deutschen Theater Göttingen: 27. Oktober 2010 sowie 9., 19. und 26. November 2010, jeweils 20.00 Uhr.

 

Fotos: © Isabel Winarsch