
Ein älterer Mann (Gerd Peiser) sitzt in einem Matrosenanzug, wie ihn sonst nur kleine Jungen tragen, auf einem kargen Bett, umklammert ein Köfferchen und erzählt dabei seine Geschichte, Peters Geschichte: In den Wirren des Zweiten Weltkriegs erlebt er als Kind das Grauen. Er sieht einen Schulfreund beim gemeinsamen Spiel sterben. Er erlebt zwei Mal, wie seine Mutter von Soldaten vergewaltigt wird. Einmal gibt er sich die Schuld, weil er vergessen hat, ein neues Türschloss zu besorgen. Seine Mutter Alice behandelt ihn mit großer Kühle und Geringschätzung. Dennoch ist sie für Peter "die schönste Mutter der Welt". Als Alice 1945 mit Peter Stettin verlässt, endet die gemeinsame Flucht bereits am Bahnhof von Pasewalk. Dort geht die Mutter weg, angeblich um Fahrkarten zu kaufen. Doch sie kehrt nicht wieder und lässt das Kind alleine und traumatisiert zurück.
Dieser lange Monolog des inzwischen alt gewordenen, innerlich aber ganz Kind gebliebenen Peters ist ein bewegender Auftakt. Peters Verzweiflung ist überlebensgroß – so wie das auf den Bühnenhintergrund projizierte Gesicht, das auf dem unebenen Untergrund gespenstisch und quälend eindringlich wirkt.
Empört schreit der innere Gutmensch: Wie kann eine Mutter nur so etwas Abscheuliches tun? Das erfährt der Leser von Julia Francks Roman auf den nächsten 400 Seiten, der Theaterzuschauer in den nächsten Stunden. In beiden Fällen in packenden, überzeichneten Bildern von grausamer Plastizität, die unkommentiert und ohne zu moralisieren für sich selbst stehen und heftig in der Bauchgegend einschlagen.
Das Bühnenbild von Marina Hellmann ist auf das Wesentliche reduziert, aber niemals karg. Immer wieder tauchen weiße Metallbetten auf, in denen tatsächliche oder zu imaginierende Versehrte liegen und die u.a. zum Element der Totentänze in glamourös-schmissigen Choreografien von Jo Siska werden. Besonders gelungen: der Bühnenhintergrund, der für sparsam und wohl dosierte Projektionen genutzt wird.

Unmittelbar nach Peters Monolog tauchen die Zuschauer ein in die Geschichte von Peters Mutter (mit großer Ausdauer und Intensität gespielt von Katharina Heyer) Alice, die eigentlich Helene heißt und Halbjüdin ist. Helenes Kindheit in der Lausitz ist geprägt von der Kaltherzigkeit ihrer durch vier Totgeburten traumatisierten Mutter Selma (eindrücklich als wahnsinnig Werdende: Angelika Fornell), die zunehmend den Bezug zur Realität verliert, und das Siechtum des geliebten Vaters (Lutz Gebhardt). Auch die innige Notgemeinschaft, die Helene mit ihrer toughen älteren Schwester Martha (Paula Hans) verbindet, ist nicht ungetrübt: Immer wieder nutzt Martha ihre Machtposition Helene gegenüber aus.
Nach dem Tod des Vaters gelangen Helene und Martha zu ihrer Bohemien-Tante Fanny nach Berlin und erleben dort die wilden Zwanziger – Martha im Rausch mit ihrer Gefährtin Leontine, Helene mit ihrer großen Liebe, dem aus großbürgerlichen Verhältnissen stammenden Juden Carl. Doch als Carl einen tödlichen Unfall erleidet, ist für Helene alles aus. Am Ende des ersten Teils der Inszenierung steht sie da, groß, schön und blond, aber auch hohlwangig, blass, endlos traurig und mit tiefen Augenringen, und berichtet von Carls Tod. Dabei erinnert sie stark an die Mittagsfrau, die titelgebende slawische Sagengestalt: eine große, wie der Tod in Menschengestalt aussehende Frau, die um die Mittagszeit auf dem Feld arbeitendes Volk mit Verwirrung oder Tod bestraft. Nur wenn die Menschen, denen sie erscheint, es schaffen, sie bis 13.00 Uhr in ein Gespräch zu verwickeln, entgehen sie dem Fluch der Mittagsfrau.
Der zweite Teil der Inszenierung beschäftigt sich fast ausschließlich mit Helenes Beziehung zu Wilhelm, einem deutschen Trottel, akkurat und euphorisch, geradezu geschaffen als Untertan. Helene stürzt sich nach Carls Tod in ihre Arbeit als Krankenschwester, Wilhelm umwirbt sie und verschafft ihr letztlich "unbedenkliche" Ahnenpapiere, die Helenes Überleben im Zweiten Weltkrieg sichern: Aus der Halbjüdin Helene wird die "arische" Alice und Wilhelms Ehefrau.
Gutes Theater muss nicht dafür sorgen, dass man sich während und nach der Vorstellung gut unterhalten fühlt. Dennoch, die von Volker Hesse und DT-Dramaturgin Winnie Karnofka besorgte Szenenfassung von fast drei Stunden Länge verlangt den Zuschauern einiges ab. Emotional, da Stoff, Text und Spiel hart und schnell sind und vor allem im ersten Teil kaum einmal aufatmen lassen. Geistig, da die Inszenierung einfach ein bisschen zu viel von allem bietet: Stoff, Nebenszenen, Regiestile. Einen fordernden Roman kann man immer wieder einmal aus der Hand legen, um später weiterzulesen. Das Medium Theater bietet diese Möglichkeit nicht. Eine striktere Verknappung des Materials hätte hier gut getan.
Man braucht nicht so viele szenische Details aus Kindheit und Jugend Helenes, um ihre Figur zu erfassen; kein Trampolin, um Helenes Freiwerden in Berlin zu begreifen; keinen Tabakqualm, um sich das Laisser-faire der Zwanziger vorzustellen. Letzten Endes ein unbequemer, emotionalisierender, jedoch nicht vitalisierender Theaterabend, geprägt von einer großen Geschichte und intensivem Spiel.
Von Silke Pohl
Weitere Termine von "Die Mittagsfrau" im Deutschen Theater Göttingen: 22. und 26. Oktober 2010 sowie 4. und 25. November 2010, jeweils 19.45Uhr; 10. November 2010, 20.30 Uhr.
Fotos: © Isabel Winarsch

