Furiose Doppelpremiere im Deutschen Theater in Göttingen: Sibylle Bergs "Hauptsache Arbeit!" startet als gelungene erste Inszenierung in der neuen DT-Spielstätte "Hinter dem Eisernen".
Die Premiere von "Hauptsache Arbeit!" am Sonntag, den 26. September 2010, im Deutschen Theater in Göttingen begann später als angesetzt. Den Besuchern wurde mitgeteilt, dass sich der Einlass um eine Viertelstunde verzögere: Ein Schauspieler hatte sich bei den Proben verletzt und wurde kurz vor Premierenbeginn noch ärztlich versorgt. Angesichts der teilweise halsbrecherischen Leistungen, welche die Göttinger Inszenierung den Darstellern abverlangt, wenig verwunderlich.
In der kurzen Wartezeit verteilte ein Mitglied des Arbeitskreises Grundeinkommen Göttingen Infomaterial zum Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen für alle" unter dem Motto "Sicherheit und Freiheit, Leben in Würde, Selbstbestimmung". Zitat aus der Broschüre: "Das Grundeinkommen betrifft jeden, weil es jeden mehr in die Lage bringt, […] das zu tun, was man wirklich will."

Doch was will man eigentlich? Und selbst wenn es der arbeitende Mensch unserer Tage weiß, hat er dann auch den Antrieb, es zu tun? Fragen, die das im Rowohlt-Theaterverlag erschienene Stück "Hauptsache Arbeit!" der in Zürich lebenden Erfolgsautorin Sibylle Berg aufgreift.
Als sich die schmale Tür im dt-Seitenfoyer schließlich für die Gäste öffnet, machen sich Erleichterung, aber auch Neugier breit. Schließlich wird der Raum "Hinter dem Eisernen" (Theaterdeutsch für die zwischen Bühne und Zuschauerraum herabsenkbare Brandschutzwand) an diesem Abend erstmalig bespielt. Doch ist es nicht nur der Reiz des sonst Untersagten, der den Eintritt in die neue Spielstätte zu etwas Besonderem macht. Auch beginnt die Inszenierung bereits am Eingang, wo Bordpersonal in Uniform die "Passagiere" mit professionell kühler Freundlichkeit in Empfang nimmt.
Am Ende eines kurzen schummrigen Gangs öffnet sich plötzlich ein schmaler, aber extrem hoher Raum, der mit seinen silbrig glänzend verhangenen Wänden eine ideale Kulisse für das (Alb-)Traumschiff-hafte Setting bietet. Im vorderen Teil: die Hauptbühne in Schiffsdeckform und sechs mit Glimmer und Kitsch adrett dekorierte, die Zuschauer zum Captain's Dinner einladende Tische. Mittig: die Souffleuse, ebenfalls in Bord-Livree. Hinten: eine kleine Zuschauertribüne, ein Wasserbecken und die Bord-Bar.
An den vier vorderen Tischen ist je ein Platz mit einem Kärtchen reserviert für "Mann 1", "Mann 2", "Frau 1" und "Frau 2" (gespielt von Dominik Bliefert, Philip Hagmann, Johanna Gsell und Anja Schreiber). Und nicht mehr und nicht weniger sind sie zunächst auch, die vier Angestellten einer Versicherungsgesellschaft, die wenig später teils unsicher über Tische, Stühle und Zuschauer hinweg steigen, um ihren Platz – offenbar nicht nur an Bord – zu finden.
Doch zunächst einmal haben zwei Ratten in Gestalt fantasievoll (auch unter Verwendung von Billig-Bierdosen) gestalteter Grusel-Puppen das Wort. Sie erteilen einer Menschen-Ratte, dem bereits mit einem Plakat im Foyer angekündigten Motivationstrainer Frank Schäfer (Karl Miller), den Auftrag, die Gruppe schiffsreisender Versicherungsangestellter ins Verderben zu stürzen.

Sodann entert der Chef des Unternehmens (Lutz Gebhardt) das Deck des Vergnügungsdampfers. Wer den Trip an sich nicht schon als Pein empfindet, dem stellen sich spätestens in jenem Moment die Nackenhaare, als der Chef bekannt gibt, dass es hier keineswegs ums Feiern geht, sondern der Ausgang der lustigen Bootsfahrt darüber entscheiden soll, wer seinen Arbeitsplatz in der Firma behalten und wer "die Möglichkeiten, die neue freie Kapazitäten bieten, mit Freude" annehmen darf.
Die Folge: Der Angestellte erweist sich als des Kollegen Wolf, und das nicht nur am gerade eröffneten Büffet. Keiner der Charaktere will seinen Job verlieren, auch wenn ihn niemand wirklich mag oder auch nur seinen Inhalt durchschaut. Sie bestätigen und reden schön, was sie eben so tun und durch was sie sich letztlich definieren: "Manchmal gehe ich vollkommen in dem, was ich tue, auf, wenngleich ich nicht genau weiß, was es ist. Es findet im Computer statt."
Inhaltlich kreist das Stück um die Fragen, wie viel Arbeit ein Leben verträgt oder ob die Arbeit in ihrer heutigen Form für viele nicht selbst schon mit Leben und Daseinsberechtigung gleichzusetzen ist. Eine Trennung von Arbeits- und Privatleben ist zumindest bei den Protagonisten kaum mehr möglich oder auch gar nicht mehr gewünscht. Beides ist zu einer Bühne verschmolzen, auf der es sich zu beweisen und zu behaupten gilt – ohne Rücksicht auf sich selbst und natürlich auch nicht auf andere. Nur nicht denken, nur nicht lachen, einfach immer weitermachen: "Hauptsache Arbeit!"
Dabei besticht das Stück einerseits durch seine bissige Sprache, die oft genau da trifft, wo es wehtut, und den Aussitzern im ungeliebten Arbeitsalltag einen sehr bösen Spiegel vorhält. Andererseits kreist die Thematik textlich doch sehr stark um sich selbst. Als Ausstiegsmöglichkeiten aus der Sinnlosigkeits-Spirale bieten sich kaum Alternativen an. So träumen die weiblichen Figuren davon, von einem authentischen (weil Indisch sprechenden) Inder-Prinzen aus der Büro-Tristesse entführt zu werden, oder gestehen lakonisch: "Ich hätte nichts dagegen, ausgelöscht zu werden."
Genau das passiert dann auch in bester Berg-Manier. Allerdings legen die Angestellten und der Chef selbst Hand an sich – mit einem Darstellern und Gästen liebevoll kredenzten, mit Cocktail-Schirmchen abgarnierten Todes-Mittel in Injektionskanülen. Zu sinnlos, zu aussichtslos, zu elend ist dann doch das Dasein als Arbeitnehmer oder -geber. Dass es auch andere Möglichkeiten geben könnte, dem "Aufstehen um sechs Uhr früh" und dem "abends im Dunkeln allein nach Hause kommen" zu entgehen, scheint unerheblich.
Dennoch mutiert die Göttinger Fassung von "Hauptsache Arbeit!" – inszeniert von Katja Fillmann, dramaturgisch betreut von Winnie Karnofka – niemals zur seelenlosen Raserei, sondern ist rasant, fesselnd, und ja, teils auch amüsant. Das Lachen bleibt allerdings oft genug im Halse stecken. Aber das ist gut so.
Geschickt, wenn auch sehr polarisierend, wird die Rolle der Frau im Arbeitsleben inszeniert. Als gesichtsloses Sexobjekt zum Begaffen, Bedrängen und Vergewaltigen durch die Vorgesetzten ist sie gerade noch geeignet, als Kollegin oder Konkurrentin "ernst zu nehmen" jedoch keinesfalls: Da wäre das verängstigte Büromäuschen, das vorgibt, sich ganz wohl zu fühlen in der Masse der "samstäglichen Einkäufer" und gar nicht so viel verdienen zu wollen wie die männlichen Kollegen, obwohl sie ihre Miete nicht zahlen kann. Oder die Dame aus der Abteilung Human Resources, die zwar verbal auf Gleichstellung pocht, tatsächlich aber nur versucht, ebenso skrupellos wie ihre männlichen Konkurrenten zu agieren.
So wird auf Haupt- und Nebenbühnen oft so heftig gestoßen, gerempelt, gestürzt und gerungen, dass man am Ende gar nicht weiß, was man zuerst spenden soll: Applaus oder Knieschützer. Das Göttinger Publikum entschied sich am Premierenabend zu Recht für Ersteres. Die unglaubliche Präsenz und Lebendigkeit in der Darstellung, die fulminante Inszenierung und das stimmige Raumkonzept sorgen dafür, dass man sich als Gast vom ersten Moment an mittendrin statt nur dabei fühlt. Und egal ob man sich vollends oder gar nicht mit der Thematik des zeitgenössischen, entmenschlichenden Hamsterrades Arbeit identifizieren kann, interessante Denkanstöße sind auf jeden Fall an Bord.
Von Silke Pohl
Weitere Termine von "Hauptsache Arbeit!" im dt in Göttingen: 2., 15. und 19.10.2010, jeweils 19.45 Uhr.
Fotos: © Isabel Winarsch

