Im Mittelalter trugen vor allem Klöster zum Erhalt und zur Züchtung regionaler Apfelsorten bei. Im 18. und 19. Jahrhundert forcierten die Regionalregierungen die Ausweitung des Obstanbaus: Im Eichsfeld musste im 18. Jahrhundert jede Gemeinde Obstbestände neu anlegen und mindestens eine Baumschule einrichten. Auch das Königreich Hannover, das sich 1816 das Untereichsfeld einverleibte, lies den Obstanbau ausweiten. Die Pflanzung von Obstbäumen entlang der Landstraßen wurde gefördert und sogenannte „Chausseewärter“ zur Baumpflege eingesetzt. Die Leiter der vielen kleinen Baumschulen, örtliche Geistliche und Dorflehrer, pflegten nicht nur, sie züchteten auch und selektierten im 19. Jahrhundert eine regionale Sortenvielfalt heraus. Jede Sorte hatte ihre eigenen Stärken: Einige waren hervorragend für Apfelmus geeignet, andere schmeckten am besten frisch. Wieder andere eigneten sich besonders für Dörrobst, zur Apfelmost-Herstellung oder für Obstbrand. Angebaut wurden die Äpfel in dieser Zeit entweder im Hausgarten oder auf Wiesen, die mit hochstämmigen Obstbäumen bestanden waren, den so genannten Streuobstwiesen.
Charakteristisch für Streuobst war die Vielfalt an Obstsorten, die robust, starkwüchsig und an das lokale Klima und die örtlichen Böden angepasst waren und auch vor der Einführung der „chemischen Keule“ marktfähiges Obst lieferten. Anfang des 20. Jahrhunderts begann man in Südniedersachsen verstärkt für Märkte außerhalb der Region zu produzieren – die Nutzung der Eisenbahn und später des Automobils vergrößerten die Absatzwege der Äpfel. Die Früchte wuchsen zwar noch auf Hochstämmen, man konzentrierte sich jedoch auf gängige und beliebte Apfelsorten wie Boskoop, Gravensteiner, Goldparmäne oder Jacob Lebel. Seit den 1950er Jahren geriet der Hochstamm-Obstbau wirtschaftlich unter Druck: Gegen großflächige Obstplantagen mit niederstämmigen Obstbäumen in klimatisch günstigeren Gebieten Deutschlands wie dem Bodenseeraum oder im Ausland war er nicht mehr konkurrenzfähig. Viele Hochstamm-Obstanlagen und Wegepflanzungen wurden in Südniedersachsen gerodet. Die Europäische Union förderte zwischen 1968 und 1973 in Westdeutschland den Strukturwandel im Obstbau und gewährte Abholzungsprämien für Hochstamm-Obstwiesen und deren Umwandlung in Ackerbauflächen oder zu Intensivgrünland.
Waren um 1900 in Deutschland noch an die tausend Apfelsorten bekannt, so beschränkt sich das aktuelle (Super-)Marktangebot auf einige wenige, oft weltweit angebaute Sorten. Bei der Erhaltung alter Obstsorten geht es nicht allein um die Bewahrung des regionalen Kulturerbes und die Erhaltung genetischer Ressourcen, sondern auch um Geschmacksvielfalt. Wer das würzige Aroma eines frisch gepflückten „Prinzenapfels“ oder den aromatisch-fruchtigen Geschmack eines „Berlepsch“ kennen gelernt hat, wird das immer gleiche Angebot an „Elstar“ und „Jonagold“ als eintönig und geschmacksarm empfinden. Auch die kleinen leuchtenden Früchte der „Roten Sternrenette“, die gerne als Weihnachtsdekoration verwendet wurden, zeigen, dass Augen- und Gaumenfreuden auch außerhalb von genormtem Intensivobstbau existieren. Sie müssen nur wiederentdeckt werden.Wer alte Sorten probieren möchte, sollte in Bioläden, bei Biolieferdiensten oder auf dem Göttinger Wochenmarkt nachfragen. Außerdem hat der Landschaftspflegeverband Landkreis Göttingen eine Broschüre zum Thema Streuobst herausgegeben, die auch Pflanztipps für den eigenen Garten enthält. Sie kann gegen eine Schutzgebühr bestellt werden unter: Tel. 05 51 / 5 31 37 0
Foto: Landschaftspflegeverband Landkreis Göttingen
Regionale Apfelsorten waren bis vor wenigen Jahrzehnten eine fester Bestandteil der Garten- und Obstbaukultur in Südniedersachsen. Dann verschwanden sie. Und werden jetzt wiederentdeckt.