
Männliche Keimzellen werden in kaum vorstellbaren Mengen produziert: Pro Sekunde bis zu 1 000. Wie wird bei so rascher Produktion die nötige Qualität sichergestellt? Die Antwort auf diese Fragen war für die Göttinger Forscher eine kleine Überraschung: „Durch eine genau bestimmbare genetische Ergänzung wurde bei Menschen und Menschenaffen im Laufe der Evolution ein Kontrollmechanismus verstärkt“, sagt Prof. Matthias Dobbelstein. Die Forscher fanden Teile eines in unser Genom dauerhaft eingebauten Virus, das zu den endogenen Retroviren gehört. Dabei handelt es sich um Genabschnitte, die im Aufbau Teilen des AIDS-Virus ähneln, ohne jedoch zu einer Immunschwäche oder einer anderen Krankheit zu führen. Der Kontrollfaktor – genannt p63 – wird gerade in den Vorläufern von Keimzellen, den sogenannten Spermatogonien, in besonders großen Mengen angefertigt. Er sorgt für eine strenge Qualitätskontrolle des Erbguts: Schon bei geringen Schäden an der DNA sterben Zellen durch seine Wirkung ab. Dadurch wird vermieden, dass ein beschädigtes Genom an die nächste Generation weitervererbt wird.
Programmierter Selbstmord schützt auch vor Krebs
Das Kontroll-System von p63 nimmt auch Opfer in Kauf: So kann es den zellulären Selbstmord, Apoptose genannt, massiv verstärken. Könnte p63 also auch die Entstehung von Tumoren, von Krebs unterbinden? Auch hierauf fanden die Göttinger Forscher eine Antwort. Und zwar in Kooperation mit Prof. Ute Moll, die Gastprofessorin der Universitätsmedizin Göttingen ist und gleichzeitig ein US-amerikanisches Team an der Stony Brook University, New York, leitet. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen: Der Kontrollfaktor p63 findet sich in den Stammzellen gesunder Hoden. Dagegen fehlt er in der weit überwiegenden Zahl der aus diesem Gewebe abgeleiteten Krebsgeschwüre. „Dies deutet darauf hin, dass p63 in normalem Gewebe eine Barriere für die Tumorentstehung darstellt“, sagt Dobbelstein. In Hodenkrebszellen konnten die Wissenschaftler die Funktion von p63 durch die Zugabe von Medikamenten vollständig wiederherstellen. Die Forschungsergebnisse könnten als Grundlage für die Entwicklung neuer und innovativer Therapien gegen Hodenkrebs dienen.
Foto: (v.l.) Prof. Dr. Matthias Dob-belstein, Prof. Dr. Ute Moll, Dr. Ulrike Beyer. Foto: privat
Foto: © UMG
Published:09/02/11

