
Das Göttinger Accouchierhaus (französisch von accoucher = niederkommen, entbinden) war die erste universitäre Geburtsklinik im deutschen Sprachraum. In dieser 1791 gegründeten Einrichtung konnten die meist mittellosen Frauen unter ärztlicher Aufsicht ihre, in den meisten Fällen unehelichen Kinder zur Welt bringen. Das erfüllte zum einen eine "fürsorgliche" Funktion. Zum anderen mussten sich die Frauen jedoch als "Übungs- und Anschauungsobjekte" für die medizinische Ausbildung der Ärzte zur Verfügung stellen.
In Erinnerung an diese Frauen enthüllten der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Cornelius Frömmel, und die kommissarische Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsmedizin Göttingen, Dipl.-Psych. Carmen Franz, eine Gedenktafel an der Fassade des Gebäudes in der Göttinger Hospitalstraße.
Geburten waren ursprünglich die Domäne von Hebammen. Mit der Einrichtung des Accouchierhauses verlagerte sich die Geburtshilfe auch in ärztliche Hände. Die Entstehung des Göttinger Accouchierhauses geht auf die Initiative des Anatomen Albrecht von Haller (1708-1777) zurück. Von Haller holte Johann Georg Roederer (1754-1835) nach Göttingen. Roederer strukturierte das Accouchierhaus zur Lehranstalt um. Ab 1792 wirkte Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822) als praktischer Arzt und Geburtshelfer in Göttingen. Seit 1989 befindet sich in dem Gebäude das musikwissenschaftliche Seminar der Georg-August-Universität.
Ein uneheliches Kind zu bekommen war im 18. und 19. Jahrhundert mit großen gesellschaftlichen Tabus belegt. Im Accouchierhaus wurde den ledigen, meist armen Frauen diese Peinlichkeit erspart. Trotzdem hatte die Klinik keinen guten Ruf. Denn die Gegenleistung für Unterbringung und Pflege von Frau und Kind war die Einwilligung der Gebärenden, bei der Geburt Studenten zusehen zu lassen, sich vor ihren Augen untersuchen zu lassen und bei der Weiterentwicklung von geburtshilflichen Instrumenten zur Verfügung zu stehen. Besondere Feinfühligkeit seitens Universität war nicht zu erwarten, schließlich hatte, wie Friedrich Benjamin Osiander es selbst formulierte, die Ausbildung der Studenten Priorität und nicht die menschliche und ärztliche Betreuung der Schwangeren.
An diese Situation erinnerte auch Prof. Dr. Cornelius Frömmel, Dekan der Medizinischen Fakultät in seiner kurzen Ansprache: "Was zunächst sehr menschenfreundlich aussieht, nämlich sich Sorgen um eine gute Geburt zu machen, hatte durchaus ein anderes Gesicht: Für die Frauen war eine Geburt im Accouchierhaus meist erniedrigend.“
Die kommissarische Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsmedizin Göttingen, Dipl.-Psychologin Carmen Franz, sagte zur Motivation, sich für die Gedenktafel einzusetzen: "Die Stadt Göttingen ist voller Gedenktafeln für große Mitglieder der Universität. Ich möchte, dass auch diesen längst vergessenen Frauen mit einer Gedenktafel Dank gesagt wird. Sie haben auf ihre Weise der Forschung gedient."
Der Text der Gedenktafel lautet daher: "Zum Gedenken an die Frauen, die aufgrund von Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung im Accouchierhaus, dem ersten universitären Geburtshaus in Deutschland, ihre Kinder zur Welt bringen konnten. Sie überließen als Gegenleistung während der Zeit ihres Aufenthaltes ihre Körper medizinischer Forschung und Ausbildung."

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Foto unten: Cornelius Frömmel , Joachim Münch (Vizepräsident Universität Göttingen),
Ulrich Holefleisch (Bürgermeister Stadt Göttingen) und sitzend Carmen Franz.
Foto oben: Enthüllung der Gedenktafel
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Fotos: © UMG
Published: 11/09/15